ANHANG NR. 36a  Eine Niederschrift von Johann Bernhard ROCHOLL [0703300] über den Brand von Radevormwald – 1802

"Ein Nachdenken nach unserem Tode vor unsere Kinder". – "Von den wichtigsten Begebenheiten von 1786 bis 1804".

     1786, 1. März, kam ich von Elberfeld und fing hier in Radevormwald meine Kupferschlägerprofession als Meister an mit einem geringen Vermögen, welches bestand in 50 Rthl. und lehnte noch 50 Rthl. dabei. Arbeitete mit dem größten Eifer bis 1787. Erwarb mir in der Zeit einige Möbel.

     Verherrlichte mich mit einer Jungfrau Anna Catharina GARSCHAGEN am 22.05.1788; deren Vermögen bestand in bar 250 Rthl. und einem Garten, wo wir beide unter Gottes Segen mit dem wenigen Vermögen durch Arbeit und viel Sorgen bauten und tüchtig erwarben. Im Jahre 1793 erbte auf dem Graben eine halbe Wiese und die andere kaufte dabei. Nach dem Ableben meiner Eltern zu Westhofen erbte ich noch 2000 Rthl. Dabei haben wir erworben, daß wir unser mobiles Vermögen nach einer Aufnahme unserer Ware vor dem Brande in 1802 gebracht hatten bis 4000 Rthl. und dachten in unserem Alter unser Leben beruhigter zuzubringen und dann von den tausendfachen Sorgen unseren Nutzen zu ziehen. Allein unsere Wege sind nicht Gottes Wege. Den 24.08.1802 morgen zwischen 9 und 11 Uhr ruft man "Feuer". Ich auf meinen Pantoffeln dem Feuer zu und dachte gar nicht, daß solches an mein Vermögen kommen könnte. Bei allen Anstrengungen der Spritze konnte ich nichts helfen und war ganz erstaunt, und stand mit meiner Frau und 4 Kindern vor dem brennenden Hause mit weinenden Augen und wußten nicht wohin, fast nackend und voller Hunger und Durst. O welch trauriges , wo Gott alle Menschen vor bewahren möge! Dadurch wurden wir wieder in den elenden Zustand versetzt, wo wir nicht nur verloren ein gutes , von uns neu erbautes Haus, welches 1000 Rthl. wert war, sondern auch ein Vermögen verlorenen Eisen, Kupferwaren und Hausmöbel von 1540 Rthl. in Zeit von 2 Stunden.

     Nach dem großen Strafgerichte war Gottes Güte gleich wieder bei uns und suchte von allen Seiten mit vollen Händen herbei zu eilen und uns wieder in Nahrung und Kleidung zu setzen. Möchte doch unser Herze in gleichen Fällen wieder auch so denken! Den 3. Tag nach dem Brande versuchten wir auf dem verlorenen Hausplatz den Schutt wegzuräumen und erbauten uns zu unserem Obdach eine Strohhütte, wo wir einen ganzen Winter haben zubringen müssen bis auf den Sommer 1803. Durch die Einrichtung der Straße fiel unser Hausplatz gänzlich weg und wurden gezwungen in den Stadtgraben ein neues Haus zu bauen, das wir 14 Tage nach Pfingsten aufrichteten. 4 Wochen nachher mußten wir solches schon bewohnen, denn unsere Strohhütte war durchgebrochen. Den Winter über war es darin so kalt gewesen, daß wir trotz starkem Heizen uns kaum erwärmen konnten. Doch hielt uns Gott in Gesundheit. Zur Hülfeleistung des neu erbauten Hauses zogen wir aus der Brandkasse 160 Rthl. Mein Bruder Peter aus Lippstadt beschenkte uns mit 110 Rthl. Aus milden Beiträgen aus der Gemeinde und Elberfeld wurden 190 Rthl. gegeben. Mein Freund BÄR (Bähr) aus Kassel, welcher unser Elend in der Strohhüte sah, beschenkten uns mit 6 Louidors und sammelte unter Freunden 36 Rtlr.

 

ANHANG NR. 36b – Brief des Bernhard ROCHOLL, Wesel [0701400], vom 12.09.1804

an den Justizbürgermeister Adolph Wilhelm ROCHOLL, Soest [0600700] 

Insonders hochzuhebender lieber Vetter!

     Ich schäme  mich! Kaum darf ich es wagen, die Feder zu ergreifen. Denken Sie aber ja nicht liebster Herzens-Vetter, als wenn ich mich Ihrer würdigen Freundschaft zu entziehen suchte, es hat mir an meiner Seele wehgetan, daß ich Ihr Schätzbares und so sehr Freundschaft einladendes Schreiben nicht habe beantworten können; meine Lage war aber um die Zeit, als ich Ihren Brief erhielt, Bedauerns- und mitleidenswürdig; wenn die wegen der göttlichen Forschung das Herz treffen. – Die gütige Gottesregierung gab mir in meiner Laufbahn, eine des größten Segens, eine vernunftvolle und treue Gattin, womit ich den 19. März dieses Jahres eine Reihe von 25 Jahren in aller vollkommendster vergnügter Ehe durchlebte, doch schon trug sie seit einigen Jahren einen schwächlichen Körper. Diese traurige Lage vermehrte sich aber durch den Tod unseres jüngsten Sohnes im Oktober 1802 und endete in einer tödlichen Brustkrankheit und Auszehrung.

     Es war den 12.06.1804, wo mich der unwiederbringliche Verlust, der lange gefürchtete Schlag traf, da der unendliche Teil meiner geliebten Gattin die zum Einsturz völlig bereitete Hülle verließ und zu ihrem Schöpfer zurückkehrte. Sie lebte nur an die 50 Jahre. Ihr Leiden war stark und besonders in den letzten 3 Monaten ihres Lebens, aber auch nicht gering war ihr Mut und ihre Gelassenheit an den Willen Gottes, durch den Trost des Evangeliums gestützt; und diese gewährten ihr auch bis auf den letzten Hauch ihres Erdenlebens ein Suchen und zugleich eine gelassene Stärke und Kraft; feuerten endlich ihr Verlangen, und mit diesen Waffen ausgerüstet segnete sie das Zeitliche und entfloh meinen Armen.

     O, lieber Vetter, hätten Sie sie gekannt, Sie würden fühlen, wie viel ich und meine beiden Kinder durch ihren Tod verlieren, und unsere Tränen dieses Verlustes billigen. Doch! Sie lebt; sie wird und kann uns nich vergessen, und meine Trennung ist vielleicht kurz, ein freudiges Wiedersehen belebt unsere Hoffnung und sicheren Trost. Aber ein fühlendes Herz denkt noch immer an die vergangenen frohen Stunden zurück. Dunkel sind die Wege der Forschung. Sie begreifen es also bester Vetter, daß es nicht Kaltsein in der Verwandtschaft ist, warum ich mit einem so langen Stillschweigen antworte, welches zu entschuldigen bitte.

     Gern hätte ich das Ansuchen des Graf von BIELARD mit Vergnügen leisten wollen, wenn es nur ausfindig zu machen möglich gewesen wäre. Ich wandte alles Mögliche an, einen BIELARD aufzusuchen, allein in unserer Gegend fand ich keinen. Ich wurde nach Cleve verwiesen, allein auch dort fand sich keiner, bis zuletzt meinte ich auf der Spur zu sein. Man sagte mir zu Nymegen hätten BIELARDs gewohnt; da ich nun meine Gattin aus Nymegen hatte, und durch die Verwandtschaft mir die beste Gelegenheit versprach, war es dennoch fruchtlos.Es hatte freilich ein BIELARD dort gewohnt, welcher aber durch die Revolution verschwunden, und niemand weiß seinen Aufenthalt. Noch gebe ich das Forschen nicht nach, und sollte ich etwas davon erfahren, dann verlassen Sie sich auf meine Freundschaft.

     Hierbei erfolgt nun auch eine Stammliste von der ROCHOLLschen Familie, die mein Vater, so lange er lebte, führte, und nachgehend mein Stiefvater KNYFF fortgesetzt hat. Dies ist Kopie und in holländisch. Sollte dieses etwas nützen und noch früh genug kommen, so wäre es mir lieb, und wenn ich dann auch noch in der Zahl ROCHOLLschen Verwandtschaft mitgerechnet werden kann. Dann hoffte ich auch, wenn die Stammliste in der Ordnung ist, eine Copie davon in meiner Verwahrung zu haben. So etwas ist doch was Angenehmes, ich kann wohl sagen, daß ich öfters sehr neugierig gewesen bin, zu wissen, wo eine so weit ausgebreitete Familie in der weiten Welt verstreut ist. Zwar kann es mir wohl selber nicht mehr viel nützen, denn meine Jahre sind schon bald an die 60. Um mir nun noch eine Reise-Vorstellung zu machen, meine Verwandten zu besuchen, wird der Fall wohl nicht mehr werden, denn ich darf durch den Verlust meiner Gehilfin wegen meines kleinen doch weit ausgedehnten Geschäfts nicht aus dem Hause. Indessen man kann es doch nicht wissen. Vielleicht kann durch eines meiner beiden Kinder mir meine Ruhe kommen, und dann versage ich es nicht. Aber auch nichts sehnlicher wünsche ich, als wenn die Vorsehung einen Weg bahnte, daß ich meinen Vetter, der sich meiner Freundschaft so sehr angelegen sein läßt, einmal bei mir hier in Wesel zu haben, und nun wollen wir sehen, wem von uns beiden zuerst der Weg zu einer Zusammenkunft geöffnet wird.

     Ich indessen empfehle mich Ihrer schätzbaren Verwandtschaft und Bruderliebe, und noch ein herzliches Wohl Ihnen zu wünschen bin ich 

Ihr liebender Vetter

Bernhard Rocholl

Wesel am 12. September 1804

PS. Ins Register habe ich selbst etwas unterschrieben, was zur Erleuchtung dient.

 

ANHANG NR. 37  TODESANZEIGE DES HOFRATES DR. GERHARD HEINRICH ROCHOLL [0700300]

– Allgemeine politische Nachrichten, Essen, 1814, Nr, 76 –

     Sanft entschlief zu einem besseren Leben unser guter Vater, der Hofrat und Dr. med. ROCHOLL am 17.09.1814 – In einem Alter von 71 Jahren ging er entkräftet zu einer besseren Welt hinüber, wohin ihm und manchen unserer Teuren unsere Blicke mit Glaube, Liebe und Hoffnung folgen. Überzeugt von der Teilnahme unserer Freunde verbitten wir uns ihre Beileidsbezeugungen und empfehlen uns Ihrem Wohlwollen.

Bochum den 18.09.1814

L. Natorp         F. Natorp geb. ROCHOLL,         H. W. ROCHOLL

 

ANHANG NR. 38  TODESANZEIGE DES JUSTIZBÜRGERMEISTERS ADOLPH WILHELM ROCHOLL [0600700]

– Rheinisch Westfälischer Anzeiger, Band 31, 1819, S. 583/84 –

     Am 30. v. Monats entschlief zu einem besseren Leben mein unvergeßlicher Ehegatte, der ehemalige Justizbürgermeister und Stadtsyndikus

Adolph Wilhelm ROCHOLL

in einem Alter von 91 Jahren und 2 Monaten. Ich preise die Vorsehung für das an seiner Seite genossene Glück einer sieben und fünfzig jährigen Ehe, welches nur einmal durch den Tod eines hoffnungsvollen Sohnes betrübt wurde. Mögen alle , die den verewigten gekannt haben, die Größe seiner Verdienste in einer sechs und sechzig jährigen Amtsführung würdigen; ich, meine neun versorgten Kinder, 23 Enkel, und 8 Urenkel werden den Unvergeßlichen ewig verehren. – Dem vergänglichen Wesen der Welt schon früher abgestorben, blieb doch lebendig in ihm der Glaube an Gott, die Liebe zu den Seinigen bis zum sanften Hinscheiden. Den verehrten Militär- und Civilbehörden, allen Freunden aus anderen Ständen, die durch Begleitung des Teuren Leichnams zur Grabstätte ihre Liebe und Achtung sogwohlwollend und gütig geäußert haben, danke ich mit gerührten Empfindungen in meinem und meiner Kinder Namen. Soest am 3. April 1819

Sophia ROCHOLL geb. Basse

 

ANH. NR. 39  KIRCHENRAT D. RUDOLPH ROCHOLL  [0901800], ★1822 

"Zum Gedächtnis an Rudolph ROCHOLL. – Zum 100. Geburtstag. - Düsseldorfer Nachrichten Nr. 491 vom 27.09.1922 von Dr. O. Redlich -

     Auf den Wandgemälden Eduard VON GEBHARDTS in der in der Friedenskirche tritt uns sowohl bei der Darstellung der Taufe Christi wie bei derjenigen der Bergpredigt Jesu aus der Menge des Volkes einbreiter Charakterkopf entgegen, dessen freundliche, geistig belebte Züge den älteren Düsseldorfern wohl vertraut und bekannt vorkommen werden. Und sie mögen sich erinnern, daß sie dieselben Züge an einem alten würdigen Herrn gewahrten, der auf der Straße immer im Zylinder und hoch zugeknöpftem schwarzen Rock rüstig einherschritt. Und Macher wußte es, das ist der Kirchenrat ROCHOLL. Und wer ihn kannte, freute sich seiner Begrüßung. Denn es lag eine seltene Würde und Anmut, Kraft und geistige Bedeutung auf seinem Antlitz. Und es war in der Tat eine Persönlichkeit, die vollste Beachtung verdiente. So mag es am hundertsten Geburtstag dieses Mannes am Platze sein, etwas von seinem Wesen und Wirken zu hören.

(Es folgen seine Lebensbeschreibung und zum Schluß nachstehenden Absätze.)

     Dem literarischen Schaffen, das ihm auch während seiner Tätigkeit als Pfarrer immer Bedürfnis gewesen war, konnte er sich jetzt (im Ruhestande) fast ausschließlich widmen. Er hatte seine Gaben fleißig in den Dienst de Ideen gestellt, die ihn in seinem Wirken als Pfarrer und Kirchenmannleiteten. Zahlreiche Aufsätze in Zeitschriften, Vorträge und Denkschriften legen davon Zeugnis ab. Aber seine schriftstellerische Tätigkeit war damit bei weitem nicht erschöpft. Sowohl Philosophie wie Geschichte hatten ihn wiederholt zu eigenem Schaffen veranlaßt. So hatte er schon 1860 den bekannten Theologen und Dr. phil. NICOLAI und 1864 den Grafen Wolrad VON WALDECK biographisch behandelt, und 1878 veröffentlichte er den ersten Band einer Philosophie der Geschichte, dem er als Emeritus 1893 den zweiten folgen ließ. Auch sein Buch über Abt Ruppert VON DEUTZ (1866) war eine bedeutende historische Leistung. Und in den Jahren, da er hier in Düsseldorf lebte, konnte er diesen Werken noch manches weitere folgen lassen. Er vollendete nicht nur seine Philosophie der Geschichte und seine viel gepriesene Selbstbiographie "Einsame Wege", sondern er schrieb auch seine Geschichte der evangelischen Kirche (1897) und schließlich außer manchem anderen noch 1904, angeregt durch eine Reise,  die er als 80jähriger nach Italien und Konstantinopel (Anm.: "Istanbul") unternahm, eine wertvolle Monographie über den Kardinal BESSARION, eine Studie zur Geschichte der Renaissance. Es war das letzte Werk, das er veröffentlichte, denn am 26.11.1905 folgte er seiner treuen Lebensgefährtin in den Tod nach.

     ROCHOLL war, wie sein Biograph HÜBNER mit Recht sagt, "eine ausgesprochene Künstlernatur von starker Intuition, auserlesenem Geschmack und blühender Phantasie". "Alles Irdische war ihm ein Gleichnis und das Himmlische eine Welt der Realitäten". Als Schriftsteller wird er immer einen besonderen Platz einnehmen. Seine "Einsamen Wege" (Anm.: im Internet unter ISBN 9781279101506 erwerbbar) und sein "Christophorus", der viele Auflagen erlebte, spiegeln seine Persönlichkeit, die Art seines Denkens und Fühlens ungemein Charakteristisch wieder. Immer ist seine Sprache männlich und stark, originell und edel, und seine Darstellung voll Frische und Gemütstiefe. Wer aber das Glück hatte, ihm persönlich näher zu treten, wird die wunderbare Mischung von tiefem Ernst und kindlicher Heiterkeit seines Wesens nie vergessen. 

 

ANH. NR. 40  HERMANN ROCHOLL  [0806200]

a) Seine Erlebnisse während der Märzunruhen 1848 zu Berlin, veröffentlicht im Pflügerblatt (Halle) Nr. 5, am 15.11.1905:

 

     "Meine freundlichen Beziehungen zum KELLERschen Hause bestanden in Berlin fort. So war ich zufällig am 18.03.1848 dort zu Gaste, als die Revolution losbrach und grade vor dem Hause KELLERs in der Beusselstraße eine Barrikade errichtet wurde. Gegen 5 Uhr schnallten wir beiden Männer (Hermann und sein Freund KELLER) uns Säbel um und gingen unter das Volk. Sehr bald fanden wir auch Gelegenheit, in der Oberwallstraße einen Stabsoffizier aus den Händen des Pöbels zu befreien, wobei KELLER sich als Patriot und vorzüglicher Volksredner bewährte. Am Tage darauf ich an die Spitze einer 25 Mann starken Studentenrotte gestellt, der ich den Namen "Fürchte nicht" beilegte. Mit dieser habe ich regelmäßig drei Wochen lang Wachdienst geleistet, und dabei viel Interessantes erlebt.So hatte meine Rotte grade die Hauptwache unter den Linden inne, als Friedrich Wilhelm IV, seinen Umritt mit der schwarz-rot-goldenen Fahne hielt. Als wir nicht lange danach zusammen mit anderen Rotten im Schweizer Saal des königlichen Schloßes lagen, erschien um 5 Uhr Nachmittag der König mit dem Kriegsminister, um uns zu inspizieren, und wechselte hierbei mit jedem Einzelnen von uns freundliche Worte. Der Kriegsminister unterwies uns mittlerweile in den Griffen des Präsentierens, von denen die meisten von uns keine Ahnung hatte.

b) Auszug aus seiner (Hermanns) Lebensbeschreibung über den Krieg 1866

Anm.: Deutscher Krieg, auch Preußisch-österreichischer Krieg genannt:

     Ich erhielt den speziellen Auftrag, mit vorhandenen und nach eingehenden Nachrichten die Stärke und Aufstellung der österreichischen Armee in Böhmen festzustellen. Die Kenntnis des Landes, die ich auf der Fußreise 1845 erworben hatte, kam mir dabei zustatten. Ich löste die Aufgabe, soweit es möglich war, und hatte die Ehre dem Generalfeldmarschall VON MOLTKE am Tage vor dem Aufbruch des großen Hauptquartiers in Gegenwart meines Abteilungschefs Oberst SCHRÖDER, einen halbstündigen Vortrag an Hand der Karte von Böhmen zu halten, den er schweigend anhörte, und wozu er nichts weiter äußerte, als: "Ich danke Ihnen." Als ich hernach den Oberst SCHRÖDER fragte, wie es gewesen sei, sagte er mir: "Es war ganz gut, der General wußte das alles viel besser als wir, und wollte sich nur überzeugen, was wir denn wüßten." Während des Krieges waren ich und 5 Kameraden, 1 General, 1 Oberst, 1 Hauptmann und 2 Leutnants die einzigsten Offiziere in Berlin, und wir waren auf der Straße, vornehmlich unter den Linden, stets von einer großen Menschenmenge umringt, die die neusten Kriegsnachrichten hören wollten. – Nach der Rückkehr des großen Generalstabes im September 1866 gaben wir unter 70 Herren dem siegreichen Feldmarschall ein Fest im Petersburger Hof, unter den Linden, bei welchem der einzigste Toast von ihm mit den Worten ausgebracht wurde: "Meine Herren, Seine Majestät, Hoch!"

c) Verse mit denen Hermann ROCHOLL nach Wiederherstellung von seinem Unfall in der Heimat begrüßt wurde,

und die ihm an seinem Grabe erneut nachgerufen wurden: 

 

Westfäl'scher Eiche gelle, urkräftigen Kerne

Entsprossen, die von Jugend auf gar gerne

Ertrug das wilde Spiel der Stürm' und Blitze,

Die, ob auch Felssturz jäh ihr Äste schlitze,

Ob Zweig und Zweiglein auch herniedersplittern,

Im tiefsten Marke fest bleibt ohne Zittern,

Das Haupt frei tragend auf dem riß'gen Stamme,

Trotz manchemAbbruch, mancher harten Schramme:

So standen einst Sie auf dem festen Grunde,

Gott grüß Sie rufen drum vom Alpenbunde

Als letztes Lebewohl die Namen alle,

Die einstmals huldigten im Jubelschalle!

ANHANG NR. 41  TODESANZEIGE DES BÜRGERMEISTERS HEINRICH WILHELM ROCHOLL [0800200]

– Allgemeine Zeitung, Elberfeld, 1829, Nr. 41 –

     Am heutigen Tage Morgens 9 Uhr ward die sterbliche Hülle unseres verewigten Freundes, des Herrn Bürgermeisters ROCHOLL auf dem prunklosen Friedhof hieselbst eingesenkt.

     Dem Andenken dieses Biedermann einige Worte zu weihen, fordert uns das innigste Dankgefühl, die herzlichste Zuneigung gegen den Verklärten auf. – Eer war ein rechtlicher wahrer Patriot, er war Helfer und Tröster der Hilfsbedürftigen, er war ein Vater der Armen, denen er mit seltener Aufopferung im Stillen half, wo er es vermöchte. – Seine Freunde und eine große Anzahl seiner Mitbürger aus den meisten Ständen folgten seiner Bahre und haben es dankbar erkannt daß auch der verehrte Landrat des hiesigen Kreises Herr Regierungsrat WIETHAUS aus Hamm, mehrere der Herrn Bürgermeister der benachbarten Gemeinden ihm selbst den Beamten der hiesigen Stadt zur Ruhestätte begleiteten, und daß der Hauptmann und Domänen-Rentmeister MAYER auf unser Ersuchen einige herzliche Worte zu Ehren des Verstorbenen redete, welche er aus unser aller Herzen sprach. Wir werden immer seinen frühen Verlust bedauern, sein Andenken ehren, und manche Träne, welche im Stillen auf seinem Grabhügel die Armen und Viele seiner Mitbürger weinen, denen er Rather, Freund und Helfer war, wird am besten es bekunden, daß darunter ein wahrer Menschenfreund ruht.

     Unna, den 3. Februar 1829

Mehrere Mitbürger und Freunde des Verstorbenen.

 

ANHANG NR. 42 a  TODESANZEIGE DES JOHANN BERNHARD ROCHOLL [0703300]

– Allgemeine Zeitung, Elberfeld, 1829, Nr. 149 –

     Heute um die Mittagsstunde wurde unser geliebter Vater, 

Johann Bernhard ROCHOLL

dessen allgemein bekannter, rastloser Thätigkeit wir so viel verdanken, im 65. Jahre seines Alters, uns vermuthet durch den Tod entrissen.

     Am Sonntag wandelte er noch mit uns im schönen Tempel der Natur, und heute, am köstlichen Feste der Himmelfahrt unseres Herrn, wandelt, wie wir nicht zweifeln dürfen, sein Geist schon mit seinem Jesu, und mit unserer, dem Vollendeten, vorangegangenen, sanften Mutter, in dem schöneren Tempel dort oben.

     Den theilnehmenden, nahen und entfernten Freunden und Verwandten widmen diese Anzeige

Die hinterbliebenen

Kinder und Schwiegerkinder

Radevormwald, den 28. Mai 1829.

 

ANHANG NR. 42 b

 

1. Zeugnis für Carl ROCHOLL [0909300], ausgestellt vom Landrat a. D. Graf v. Seyffel d'Aix

       Der Königliche Landwehrlieutnant  außer Dienst Herr Stadtsekretär ROCHOLL in Barmen trat im Jahr 1813 auf meinem Büreau als Kanzelist ein und wurde , auf meine Empfehlung, im Jahre 1825 als Stadtsekretär in Barnes angestellt.

     Sehr gerne ertheile ich dem Herrn Stadtsekretär Carl ROCHOLL das pflichtmäßige Zeugnis, daß er sich in den Jahren 1813/25, wo er unter meiner sirektenLeitung wirkte, durch moralische Führung, treue Gesinnung und in dienstlicher Beziehung durch nicht gewöhnlichen Fleiß, Kenntnisse, Stenge Rechtlichkeit und Talent vorzüglich auszeichnete, was mich dann auch bereits in den ersten Jahren, die derselbe bei der Kreisdirektion, bzw. dem landräthlichen Amte Elberfeld, welchen Aemtern ich von 1813 bis 1847 einschl. vorstand, angestellt war, bestimmte, ihm die Bearbeitung der Militär- und Polizeiangelegenheiten, so wie des Rechnungswesens des Kreises unter meiner Leitung zu übertragen, welche Geschäfte Herr ROCHOLL zu meiner Zufriedenheit wahrgenommen hat. Aus diesem Grunde, so wie um demselben eine angemessene Stellung und auskömmlichere Existenz zu verschaffen, empfahl ich ihn zur Ernennung als Stadtsekretär der Stadt Barmen, welche Stelle ihm 1825 conferiert wurde. Da ich bis zu meinem Abgang, im Jahre 1847, als Landrath des Kreises Elberfeld, ihn genau zu beobachten Gelegenheit fand, so kann ich ihm mit Ueberzeugung ferner das Zeugnis ertheilen: Daß derselbe in jener Stellung, während der Jahre 1825/47  vollkommen meinen Erwartungen durch treue Pflichterfüllung, Fleiß und Geschicklichkeit entsprochen und sich ebenfalls durch nichts zu wünsch übrig lassende sittliche Führung, umsichtiges, ebenso festes wie bescheidenes Benehmen und strenge Rechtlichkeit ausgezeichnet hat, wodurch er meine Hochschätzung zu erhalten und die Achtung der wohldenkenden Einwohner der Stadt Barmen zu gewinnen wußte.

     Vor etwaigen Gebrauch dieses Zeugnisses ist dem selben der gesetzliche Stempelbogen zu cassieren. 

Coblenz, den 3. Februar 1853

Graf v. Seyffel d'Aix

Landrath a. D. 

 

2. Auszug aus den Verhandlungen der Stadtverordneten-Versammlung zu Barmen. Sitzung vom 7. Juli 1863.

       Nach Mittheilungen des Herrn Vorsitzenden werden es am nächsten dritten August fünfzig Jahre, daß Herr Stadtsekretär ROCHOLL seine Dienste den Comunal-Angelegenheiten gewidmet hat. Über die Treue, den Fleiß, die Umsicht und die Zuvorkommenheit, womit Herr ROCHOLL seinen Pflichten stets abgelegen hat, bedarf es kaum vieler Worte; sie sind allgemein bekannt und haben stets die ihnen gebührende Anerkennung gefunden, so daß dem Herrn ROCHOLL allseitig die besten Zeugnisse zur Seite stehen. 

     Die Stadtverordneten-Versammlung erkennt es als einen Akt der Dankbarkeit, wenn sie den einstimmigen Beschluss faßt, das Gehalt des Herrn Ju-bilars vom 3. August dieses Jahres durch eine persönliche Zulage von 100 Thalern pro Anno zu erhöhen.

      Sodann wünscht dieselbe, daß dieser Ehrentag für Herrn ROCHOLL durch ein Abendessen festlich begangen werde.

      Um die desfallsigen Einleitungen zu treffen und demnächst festen Bechluß zum fassen, wählt das Collegium die Herren

Beigeordneter Barthels

Stadtverordneten Auffermann,
Dahl, Dicke und Erbslöh

zu Comité-Mitgliedern und sieht den betreffenden Vorschlägen entgegen.

B.     g.     u.     u.

(Folgen die Unterschriften)

Für die Richtigkeit vorstehenden Auszuges

der Ober-Bürgermeister

gez. BREDT

 

ANHANG  NR. 43 – BRIEF DES LOUIS ROCHOLL [0701204] VOM 29.05.1865 an seinen älteren 
B
RUDER WILHELM 
[0701202]  [0801300] ÜBER SEINE EINDRÜCKE IN RADEVORMWALD.

     .... So begaben wir uns am Nachmittag – statt west – südwärts ins Bergische auf die Tour, von der wir heute heimkehrten, und ich Dir nun plaudern muß.

     (1. Abs.) Auf der Höhe hinter Schwelm wies der Vetter (Richard, [0905100]) auf die hinter dem Horizont blauer Bergzüge ragenden Turmspitzen als die Stätte unserer Väter hin. Eine anmutige  Wanderung bergauf und bergab, zwischen Wiesen und Büschen, brachte uns, als eben der Sabbatabend seine feierliche Ruhe über die Erde gebreitet und die Strahlen der sinkenden Sonne herrlich im Waldgezweig spielten, während der saftige, blumenreiche Wiesengrund sich schon feuchtete, und eine maibadende Kinderschar die einzige Staffage in dieser Abgeschiedenheit war, auf die letzte Anhöhe empor, und ans Ziel unserer Wanderung. Der von staatlichen Kirchtürmen überragte Ort lag, einem dunklen Eichholz im Vordergrund entsteigend, den langen Bergrücken krönend, im Abendschein überaus malerisch da; und nun eben klingt das volle Geläut von den Türmen zusammen; es war ein ganz erhebender Schluß unserer Wanderung. Nach den zahlreichen Kirchen hätte man eine große Stadt erwartet; sie verdanken indessen ihre Entstehung vielmehr der zahlreichen Umwohnerschaft und konfessioneller Zerfahrenheit; und man findet ein kleines still Örtchen von etwa 1½ Tausend Einwohner nur. Durch ein Hinterpförtchen traten wir in das elterliche Haus des Vetters, grad in eine munter belebte Kinderstube ein; beim Alten war uns einfreundlich-bürgerlicher Empfang; und als wir uns begrüßt und restauriert, promenierten wir durch die saubere, eingebaute Straße zu dem ganz hübsch angelegten Sommer- und Wirtschaftslokal, dem Hölterhof hinaus; wo das still lebende Wölkchen bei Bier und Kegelschieben, im Blumengarten oder Waldesschatten, seine Sommerabende verbringt. Nun war die Gesellschaft bereits heim, nur im Halbdunkel saß noch ein Paar zusammen; ein Vetter Wilhelm ROCHOLL [0904400] mit seiner sächsischen Gattin wars; auch in jener Straße war ich schon hie und da auf ein ROCHOLL–Haus hingewiesen; der Hölterhof hier stellte nun den vormaligen Stammsitz dar. Der Rocholsberg, vor Rade dagegen, den ich mir als antikes Gut, etwa mit Graben und Schloßgemäuer, vorgestellt, erwies sich als eine am Berghang gelegene Gruppe Schmiedewohnungen nur, und wußte man nichts von einem hiesigen früheren Familiensitz. Bei unserer Heimkehr trafen wir auch des Hauses weibliche Bewohner, von ihren zwei Bifiten in der Verwandtschaft heimgekehrt. unter den trefflichen Leuten fühlte ich mich ganz zu Haus, als Richard mich ins Nebenhaus hinüber zum hier aufgeschlagenen Nachtquartier brachte.

      (2. Abs,) Der Sonntag nun war der Bekanntschaft des Ortes wie der Familie bestimmt. Eine Frühwanderung ging, den nun stadtwärts strömenden Kirchgängern entgegen, auf den nahen Telegraphenberg, der einen freien Rundblick auf dies ganze Stück bergischen Landes bot. Auf der Erhebung jenseits der Wupper ganz deutlich Lennep, sonst Busch und Bergzüge ringsum mit vereinzelten Häusern und Turmspitzen nur. Der Ort, 1400 Fuß hoch und wasserarm, ist 1802 von einer Feuersbrunst binnen 2 Stunden völlig in Asche gelegt; die Bewohnen haben kaum die Zeit gefunden, sich aus der heißen, stickenden Stadtmauerumgürtung durch die zwei einzigen Ausgangstore ins Freie zu retten, ohne auch nur das Mindeste an Habe zu bergen. Man begreift da den Jammer und die Verzweiflung; unter Zelten haben sie kampiert, von Mülheim die erste Brotzufuhr erhalten, danach wieder die alten Kellerstätten unterm Schutt aufgesucht, wo sie den nahenden, hier nicht spaßenden Winter sich geborgen haben, bis die Stadt in neuer, geregelter Form sich wieder erhob, und die Bürger aufs Neue anfingen, sich eine Existenz zu schaffen; denn der Brand hatte so zu sagen jeden zum Bettler – nur mit unterschiedlichenGaben und Connexionen – gemacht. Mit besserem Grunde möchte man schließlich der grausen Feuersbrunst eon Denkmal stiften, wären nur nicht die nun von keinerStadtmauer mehr beengten Häuser leider wie eine Schafherde aufeinander gedrängt, sodaß einHof- und Gartenzaun nun fast allen Wohnungen fehlt. Uebrigens trägt die meist schieferbekleidete oder Gebälke zweistöckige Häuserzeile noch ganz das Gepräge gleichzeitigen  Auferstehens. Die mächtigen Kirchen sind aus holländischen Collektengeldern auferbaut. Land und Leute, Sprache und Benennungen waren ganz Hagener Art, wie denn auch Kleineisenidustrie die Hauptnahrung ist. Nur die Lenneper Tuchfabriken an der Wupper ihre Arbeiterbevölkerung meist auf Rader Gebiet angesiedelt, daher auch die 500% der Staats-betragende Kommunalsteuer!

 

      (3. Abs.) Die Bevölkerung denkt noch mit Verlangen an die steuer- und militärleichte bairische, dann reformatorische französische Herrschaft zurück, ist dem nachfolgenden Preußen-Regiment wenig hold und volkszeitungs-gesinnt. Vor Alters da der Ort seinen Namen: Vorm Walde, noch mit mehrerem Recht führte – denn ein Waldesdickicht dehnte sich "bis gegen Frankfurt" hinaus – haben sie hinter ihrer Mauer- und Grabenwehr das Metier Schnapphanskis geübt, den friedlichen Kaufmann um seine Geldkatze und Warenladung erleichtert; hoffentlich haben da der Gesellschaft unsere Väter noch nicht angehört, deren Geschichte hier freilich – nach der Familientradition – gar mit einem Jungfernraube beginnt. Ein ROCHOLL habe habe durch seine Schönheit das Herz eines adligen Fräuleins gewonnen, sie den Eltern entführt, dann – in Bestzeiten –, mit einem Handelspäckchen auf dem Rücken, sich in Rage gesetzt. Und Handel und Kaufmannschaft gilt denn als Familienmetier, dem denn auch Vetter Richards Familie angehört; als ei Familienzeichen gilt denn auch: der Segen der Nachkommenschaft, hohes Lebensalter und jener "ROCHOLLsche Kopf", der sich auch bei jener Brandtragiöde recht tragisch gezeigt. Den erwähnten Hölterhof besaß nämlich ein "Richter ROCHOLL" (Joh. Adolph – [0702800]), der den abgebrannten Bruder (in Wirklichkeit Vetter), Richards Großvater (Joh. Bernh. [0703300]), damals bei sich aufgenommen, bald aber mit ihm also aneinandergeraten war, daß daraus eine Feindschaft für Leben entsprungen; daß jener lieber in einer Bretterbude dem grimmen Winter Trotz geboten, als beim Bruder, dem Richter, verharrt, der seinerseits wiederum mit Absicht jenen Familienbesitz in fremde Hände gespielt und die vollständigen Familienurkunden – der Brand hatte Kirchenbücher , Archive etc. vernichtet – lieber den Flammen preisgegeben, als den verhaßten Standesgenossen hinterlassen hatte.

     (4. Abs.) Das waren die Alten, jetzt repräsentiert die hiesige Familie, von vielen Abzweigungen abgesehen, die Nachkommenschaft jenes abgebrannten Bretterbüdners, 3 Söhne und eine Tochter zwischen 60 und 80 Jahren und deren Descendenz ; jene Söhne heißen Johann [0803400], Wilhelm  [0803600], Ludwig [0803800], deren letzterer der Jüngste und Richards Vater ist. Dieser, Richard, geleitete mich nun zu Onkel und Tante rund, alles wackere Bürgersleute und freundlichen Entgegenkommens gegen Vetterschaft. Besonders jener Johannes,  früher ein Blechschläger,  jetzt in einem ganz netten Hauswesen mit seinen 77 Jahren ausruhend, erwies eine liebenswürdige Beredtsamkeit des Alters, zumal als auf jene  Schrecken des Brandes die Rede kam. Ihre Kinder, meist erwachsen oder schon selbständig, möchte man sämtlich mit Freuden als Vettern u. Nichten begrüßen; als ein Merkzeichen erwähne ich die hagre Gestalt und seinen Gesichtszüge, auch ihre Raucherpassion, darum man meine Echtheit mal anzweifeln wollt. Der wackerste Repräsentant blieb aber immer jener Ludwig [0803800], Richards Vater und Eisenhändler wie er. Er, wie auch jener Johann, rief mir auch lebhaft Onkel Gerhard [0700700] in die Erinnerung, ganz die Statur, ganz die – nur feineren – Züge, ganz die Tätigkeit, dieses Frühauf, nur daß der eine sich als der gewandtere und freisinnige Kaufmann, der andere als der eigenwillige patriotische Beamte und Diener seines Königs erwies. Der Kinder hat drei aus erster und acht aus zweiter Ehe, darunter er mit seiner wackeren rüstigen Gattin so freundlich und harmonisch haust, daß dieser hübsche Familienzirkel mir in freundlicher Erinnerung steht. Die Kinderzucht hielt zwischen Strenge und Schwäche die schönste Mitte, und die bürgerliche Schlichtheit der Alten, der mehr weltliche Ton der erwachsenen Töchter trat ergötzlich hervor, als diese die Mutter nach der Bifite neckten, daß sie dort einer fremden, deren Verwunderung nicht achtend, von ihres Mannes Schmiede gesprochen, während doch der Vater nicht Schmied, eher Fabrikant zu heißen sei. Seine Stiefmutter und Stiefgeschwister hätte am wenigsten Jemand in diesem Kreise geahnt. Der nüchterne Kaufmann aber gab sich kund, als der Sohn dem Vater einen Geldschrank zum Kauf , zwar scherzend, auch vergeblich anpries, oder die Mutter, in Hinblick auf den künftigen Gewerbeschulbesuch eines jüngeren Sohnes, den Richard (R. wohnte in Hagen) in natürlichster Unbefangenheit über die Aufnahme des Bruders befragte: "Sag Richard, was willst Du dafür haben?" worauf dieser: "O Mutter, darüber werden wir uns schon verständigen," zur Antwort gab. – Der Vater hatte auch auf seinen vielfachen Geschäftsreisen die Familie– in Kassel, Minden, Lippstadt, Soest, Bremen, Korbach, Wesel und wo sonst – nie vergessen und bewahrte ein lebhaft Gedächtnis und Interesse für sie. Auch unseres Vaters erinnerte er sich, wenn er, da sie die Obstbäume im Garten attackierten, halb scherzend es nicht zu arg zu machen droht. So war es denn eine besonders ansprechende Situation, als wir nach aufgehobener Mittagstafel im Gesellschaftszimmer unsere Aufzeichnungen herbei holten und zusammenhielten und unsere Verwandtschaft – auf 8 Grad Weite – erkannten, und ich nun auch diesen Rader Zweig in meine Tafel trug, zuletzt das Enkelchen Selma auch, die nun im fernsten Gradesabstand unter unserem 1380er Rockholzer Ritterschild stand; wobei die Frauen scherzten, daß mit ihnen die Linie allemal abbrechen müßt. Der Alte aber erzählte von seinem Großvater Bernhard [0601500] noch, der erst Theologe, dann Holländischer Militär, dann Rader Kaufmann im väterlichen Geschäft, durch seine Verheiratung nach Westhofen gelangt sei, wo auch derzeit noch ein Zweig der Familie wohnt.

     (5. Abs.) Eine Sonntagnachmittags-Familienwanderung in den Garten, wo wir uns heiter plaudernd im Rasen lagerten, dann ein hübsches Konzert an jenem Hölterhof, wobei Dilettanten (auch ein Vetter-Flötensolist) mit einer 13brüdrigen(!) Musikantenzukunft ähnlich zusammenwirkten, dann ein Ball, wo des Städtchens Honoratiorentum versammelt, und ich zwischen den würdigen Brüderpaar saß; und zähltest Du die etwa 12–15 Tänzerpaare durch, da waren – von sonstigen Verwandten abgesehen – 5 ROCHOLLer und 5 ROCHOLLinnen, die sich hier auf dem Boden ihrer Väter im Walzer drehten. Wir scherzten, wie die Familie alles und selbst die Bälle an sich selber habe; und ein Hochzeitsfest hatte jüngst 65 Gäste als lauter Verwandte vereint. Also blüht dort der Stamm, der freilich seine Zweige nun weiter treibt; und mir kamen die ROCHOLL-Brüder recht wie die Respektspersonen der Gesellschaft or, die wieder in freundschaftlich heiterem Tone mit Jungen wie Alten verkehrten. So ging der Tag aufs Fröhlichste zu End, und ich hats wieder dem ROCHOLL-Namen Dank, als wir heute Morgen vo dieser genußreichen "Familienexpedition" heimkehrten, und hegte nur einen Wunsch, daß jenes gestern Abend auftauchende Projekt eines ROCHOLL-Tages seine Verwirklichung fänd. Ich schlug Soest als passenden Mittelpunkt vor, die Rader Brüderbeharrten aber auf ihren Stamm- und Familiensitz. Ja und Lassens Sie uns nur 8 Tage vorher wissen, fielen die anderen Rader Herren ein, und wir halten Ihnen die Quartiere bereit. – Da fänden wir denn auch in der gewiß buntscheckigen Composition, wie unklug doch das gleich-gültige Vorübergehen bei manchem Soester ROCHOLL-Vetter war; wir fühlten uns als die Enkel des einen Elternpaares, und indem wir das Gedächtnis der jetzt auf dem Abgang stehenden Veteranenklasse zu Hülfe nahmen, lebte eine jetzt fas erloschene Familienverbindung über das halbe Vaterland aufs Neue auf.

 
 
 
 
 

ANHANG NR. 44 – FLORENZ KARL WILHELM FRANZ ROCHOLL [0805200], PFARRER ZU GROSS OTTERSLEBEN

– Ausschnitte aus der Gedächtnisrede, gehalten am 13.02.1876 in der Kirche zu Groß Ottersleben anläßlich seines Ablebens –

Aus seiner Jugendzeit.

     Noch nicht 17 Jahre alt, hatte er das Gymnasium seiner Vaterstadt (Soest) durchlaufen. Sein Vater wollte dem überaus fähigen und charaktervollen Jüngling sein blühendes und für damalige Verhältnisse bedeutendes Geschäft zur selbständigen Leitung übergeben, aber das Vorbild seines Großvaters (MÖNNICH zu Schwese), der dicht bei Soest ein würdiger Geistlicher war, und sein innerer Beruf zogen ihn unwiderstehlich zum Studium. .....

Aus seiner Studienzeit.

     Um seiner Jugend willen blieb er noch ein Jahr auf dem Gymnasium und bezog, noch nicht 18 Jahre alt, Ostern 1824 mit einem ausgezeichneten Abgangszeugnis die Universität zu Berlin, um Theologie als Hauptfach, Philologie und Mathematik als Nebenfächer zu studieren. SCHLEIERMACHER und besonders NEANDER, bei dem er Hausfreund wurde, waren seine liebsten Lehrer, daneben hörte er den Philosophen HEGEL, den Geographen RITTER und den Mathematiker LEHMUS. Von Berlin ging er 1826 nach Bonn, wo er intim mit den Professoren SACK und NITZSCH verkehrte. Wie sehr gerade NITZSCH den strebsamen und gebildeten jungen Theologen schätzte, geht daraus hervor, daß er ihm die Patenstelle bei einem seiner Kinder antrug. Auf seine innere Entwicklung ist besonders NEANDER und später NITZSCH von großem Einfluß gewesen. ......

 

Kölner Zeit.

     Im Jahre 1829 bestand er rasch hintereinander die theologische und auf Drängen von NITZSCH die Oberlehrerprüfung „sehr gut“ und wurde dann, ohne ordiniert zu sein, zur Verwaltung der Garnisionpredigerstelle in Köln berufen. Schon hier entfalten sich seine bedeutenden Predigtgaben, die mit großem Ernst den Kern des Menschen, sein Herz zu ergreifen und zum Herzen zu rühren verstanden. Seine Gottesdienste waren gedrängt voll und auch sonst wurde er wegen seines liebenswürdigen Charakters sehr gesucht.

 

Trierer Zeit.

     Im Jahre 1830 wurde er dann, noch nicht 24 Jahre alt, Divisionspfarrer der 16. Division zu Trier. Die dortige Militärgemeinde war seine erste eigene Gemeinde und seine erste Liebe; 16 Jahre ist er dort geblieben; ihr gehörte seine erste und beste Manneskraft, mit großem Eifer und Ernst arbeitete er in derselben, und so sehr auch die Personen und Verhältnisse wechselten, seine Stellung war doch eine stets gleich-freundliche. Bezeichnend für die große Gewalt seiner Beredsamkeit und die Gediegenheit seiner Predigt war folgender Umstand: Die Soldaten wurden, wie überall, zur Kirche kommandiert. Da bat er den General, er möge den zwangsweisen Kirchenbesuch aufheben und zu demselben erst wieder zurückkehren, wenn sich üble Folgen zeigten. Der Kirchenbesuch wurde zwar freiwillig, aber nicht geringer als vorher, und seit der Zeit blieb es so, solange er in Trier war. ... Dem KÖNIG FRIEDRICH WILHELM IV. ist er besonders lieb gewesen. So oft der König nach Trier kam, wurde er zur Predigt befohlen, und viel und innig hat sich der König mit ihm unterhalten. Erst 32 Jahre alt, bekam er den Roten Adler-Orden. ... Als er 10–12 Jahre nach seinem Fortgang von Trier nochmal dort predigte, war die Kirche wieder gedrängt voll, und es soll rührend und hoch ergreifend gewesen sein, als die Gottesdienste die Scharen freudig sich an ihn herandrängten und um einen Händedruck rissen.

Otterslebener Zeit.

     Von Trier wurde er 1846 im Februar hierher nach Groß Ottersleben versetzt. .... Seine hiesige Tätigkeit ist Euch meist bekannt, Ihr wißt, wie er in dem Revolutionsjahre und der darauf folgenden Zeit der Mittelpunkt aller königs-treuen Männer der ganzen Umgebung gewesen ist, wie er durch seinen Mannesmut und sein allzeitig schlagfertiges Wort mächtig und in der edelsten Weise in die damalige Bewegung eingegriffen hat. Seine ganze Erscheinung war eine so ehrfurchtgebietende, daß er verschiedentlich bei Deputationen mit dem Vertrauen als Sprecher geehrt wurde. ..... Gerade durch die Frische, Fülle und gewaltige Kraft seiner Predigten zog er in den ersten Jahren seines Hierseins Scharen von Magdeburgern nach dem damals halb so großen Ottersleben in die Kirche. ... Von einem anderen Segen seiner Rede wurde mir in diesen Tagen erzählt: Ein Handwerksbursche kommt auf dem Wege von Magdeburg nach Langenweddingen durch Ottersleben; sein Weg führt ihn an dem Gottesacker vorbei, wo gerade ein Begräbnis gehalten wird. Er denkt: Willst doch einmal sehen, was der Mann dort sagt. Gleich die ersten Worte sind : „Wo kämst Du hin, wenn jetzt Deine Sterbestündlein schlüge?“ Das greift den bis dahin im Leichtsinn dahingehenden jungen Mann so an, daß er die Worte nicht wieder loswerden kann. Er schlägt in sich, kehrt um, geht von nun an fleißig zur Kirche und wird später Hausvater eines Rettungshauses. ... Eine Predigt in einer Landkirche über die Versöhnlichkeit schließt er etwa mit den Worten: „Ist jemand unter uns in dieser Versammlung, der noch mit seinem Bruder in Unfrieden oder Feindschaft lebt, der versöhne sich noch heute gleich mit seinem Bruder, oder ich und dies Wort werden ihn einst vor dem Richterstuhl Christi verklagen.“ Beim Ausgange aus der Kirche sieht er eine Frau weinen und erkundigt sich nach dem Grunde ihrer Trauer. Doch sie bekennt, sie weine Freudentränen, denn soeben hätten sich ihre Söhne, die sich um eine Erbschaft entzweit, miteinander versöhnt, indem der Jüngste die einzelnen Brüder an der Kirchentür erwartet und hinweisend auf das eben gehörte Wort den anderen die Hand geboten hätte. ... Schauet sein Ende an. Sein Großvater war Pfarrer in Schwese bei Soest und ist 80 Jahre alt geworden. Da bricht der Typhus aus im Dorf. Er will zu einem Kranken gehen, man versucht ihn abzuhalten von dem Besuch, doch er sagt: „80 Jahre habe ich meinem Herrn treu gedient, und sollte nun noch untreu werden!“ Er geht und geht in seinen Tod, aber im Namen des Herren. 8 Tage darauf starb er am Typhus. ... Wie der Großvater, so hat er sich von einem Krankenbesuche den Grund zu seinem Tod geholt. Er fühlte sein Ende herannahen und sagte am Donnerstag vor seinem Tode: „in 8 Tagen tut mir nichts mehr weh.“ Zuletzt feierte er mit seiner Familie noch das heilige Abendmahl und empfing ihn es aus der Hand des einzigen Sohnes. .... So matt und schwach er auch war, sprach er doch bei der Beichte das Sündenbekenntnis leise, aber inbrünstig, mit und äußerte nach der Feier: „Das war schön!“ Der Herr kam dann bald. Umgeben von seinen Kindern und Enkeln, deren 27 leben, schlief er ruhig und sanft ein in dem Herrn. ...

 

ANHANG NR. 45 – HERMANN ROCHOLL [0806203],  1898

– Nach einem Bericht seiner Mutter –

     Groß war die Freude seines damals schon 71jährigen Vaters, als ihm so spät noch ein kräftiger Sohn als Stammhalter geboren wurde. Hermann war ein echter ROCHOLL, schlank, groß, blauäugig, gut begabt, immer heiteren Sinnes. So wuchs er heran. Die Schule ist ihm nie schwer gefallen, er hatte viel Freude am Lernen um des Stoffes willen. Er schätzte vor allem den Gerechtigkeitssinn beim Lehrer, mochte dieser auch noch so streng sein. Es war derselbe Zug, der seinem Vater innewohnte: Wahrhaft, gerecht, nie etwas bemänteln.

 

     Bald nach Ausbruch des Krieges wurde in der Schule bekanntgemacht: „Der Kaiser braucht noch Soldaten, wer mit will, bekommt Primareife.“ Das zündete. Als ich meinen Mann später fragte, wie konntest du doch dem erst 16jährigen die Erlaubnis erteilen, da antwortete mir: „Was konnte ich anders tun. Der Junge könnte mir mal den Vorwurf mach – Vater, du hast mich die große Zeit nicht miterleben lassen.“ So ist denn Hermann als Kriegsfreiwilliger am 27.10.1914 mit hinausgezogen. Meinem Mann aber hat von Stund an das Herz wehgetan, und 7 Wochen später war er tot. Wohl ihm, daß er den Tod seines Sohnes nicht mehr erfahren hat. 

     Anmerkung: Den nächste und gleichzeitig der letzte Absatz dieses Berichtes, welcher mit dem traurigen Tod von Hermann am 14.07.1916 während der verlustreichsten Schlacht an der Westfront im ersten Weltkrieg endet, wird auf dieser Webseite dem nachfolgenden Scan aus der alten RADER ROCHOLL überlassen. 

 

ANHANG NR. 46 – SCHREIBEN DES FELDPROBSTES DER ARMEE D. WÜLFING AN
GEHEIMRAT DR. HEINRICH 
ROCHOLL [1105603] VON 
1914

                    Euer Hochwürden!

     Haben zum 1. April d.J. Ihre Versetzung in den Ruhestand mit Pension erbeten. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen beim Ausscheiden aus dem Militärkirchendienst meine dankbare Anerkennung für die Dienste auszusprechen, die Sie in mehr als 4 Jahrzehnten unserer Preußischen Armee und ihrem Kirchweihen geleistet haben. Von wenigen Wochen abgesehen, hat Ihr gesamtes Wirken im geistlichen Amte der Seelsorge an dem Volk in Waffen gehört. Durch Wort und Schrift haben Sie unermüdlich Zeugnis von dem engen Zusammenhang, der zwischen unserer ruhmreichen, vaterländischen Geschichte und ihren großen Männern und dem geistlebendigen opferfreudigen Christentum besteht, und Sie haben für die Pflege vaterländischer Gesinnung und die Deckung und Erhaltung religiösen und sittlichen Lebens in Armee und Volk Ihre beste Kraft eingesetzt. Reiche Anerkennung und mannigfache Ehrung ist Ihrem Wirken zuteil geworden und Ihr Name wird in unserem Heer unvergessen bleiben.

     Dazu haben Sie länger als ein Vierteljahrhundert an der Spitze des Militär-Kirchwesens einer vielumstrittenen Provinz wesentlich zur Versetzung der selbständigen Organisation der Militärseelsorge beigetragen. Eine große Reihe von Soldatenpfarrern ist durch Ihre Schule hindurchgegangen und Sie haben mit Ihren reichen Erfahrungen an ihrer Weiterbildung mit verständnisvoller Hingebung gearbeitet. So wird auch in unserem Kreise Ihr langes und weithin erkennbaren Erfolg begleitetes Wirken in dankbarer Erinnerung bleiben.

 

     Die gesamte Militärgeistlichkeit entbietet durch mich dem scheidenden Senior einen von Herzen kommenden Abschiedsgruß und den Wunsch, daß es Ihnen durch Gottes Gnade vergönnt sein möge, noch lange Jahre bei guter Gesundheit sich der Liebe der Ihrigen und der Anerkennung aller derer, die Sie in Ihrem Wirken gekannt haben, zu erfreuen.

 

gez. D. WÜLFING 

 

ANHANG NR. 47 – THEODOR ROCHOLLs HAUPTWERKE [1003100] – (1854 - 1933)

     Anmerkung [HR] zu diesem Anhang aus der RADER ROCHOLL aus 1938 welche aus einer Auflistung von 70 Werken des THEODOR ROCHOLLs besteht: 

Zum Zeitpunkt der Herausgabe der 1938er RADER ROCHOLL war das Schaffen des 5 Jahre zuvor verstorbenen von THEODOR ROCHOLLs noch lange nicht so bekannt wie es heute ist. In einer in Wikipedia veröffentlichten Kurzbiographie sind 138 Werke gelistet in welcher auch alle die in diesem erwähnten Anhang erwähnten 70 Werke vermerkt sind. Was mich allerdings bei einem am 11.02.2019 geführten Telefonat mit dem Leiter des Stadtmuseums Hofgeismar (H.BURMEISTER) erstaunte, dass mittlerweile ca. 4.500 Werke von THEODOR ROCHOLL – vom Ölgemälde bis zur Postkarte – bekannt sind. Neben einer Biographie verfügt das Stadtmuseums Hofgeismar über mehrere hundert Zeitungsartikel zu Ausstellungen mit Werken THEODOR ROCHOLLs  bzw. als Nachrufe, dazu kunstgeschichtliche Darstellungen, Lexikatexte etc.. Es lohnt sich also dort hinzufahren. 

Aufgrund der umfangreichen Darstellungen bzw. Listen über THEODOR ROCHOLLs Werke, wird hier auf die 1938er Auflistung verzichtet.

 

ANHANG NR. 48 – HERR ADOLF ROCHOLL [0805800] AM TAGE SEINER
VERMÄHLUNG MIT FRÄULEIN HENRIETTE BÖDDECKER
17. August 
1837

 

freundlich gewidmet von einem alten Freunde.

1.     Ford're niemand mein Schicksal zu hören,

Wem die Hochzeit heut' wonnevoll winkt!

Mord und Brand; Könnt ich Geister beschwören,

Daß ihr Flügel zum Feste mich bringt!

Festgekettet, verweil' ich in Barmen,

Sitz' am Pulte, beklebt und bestaubt;

Ach, und senden nur kann ich ein Carmen,

Wo ich selbst zu erscheinen geglaubt! 

2.     Keine Hoffnung ist Wahrheit geworden!

Euch zu grüßen mit Hand und mit Blick,

Euch zu singen in weichen Akkorden

Euerer Liebe beseligend Glück;

Dann zu trinken, zu jubeln, zu rufen,

Von den Kränzen der Freude umlaubt.

Nichts erreicht' ich! – Mit feindlichen Hufen

Trat das Schicksal mein Hoffen auf's Haupt!

3.     Auf den Schnellwagen dacht' ich zu steigen,

fuhr im Geist schon durch Unna, durch Werl;

Lasset mich meinen Namen verschweigen;

Ich bin nichts, als ein trauriger Kerl!

O mein Cerebrum, dich nur beklag' ich;

Ja, du wirst eines Bäuschchens beraubt!

Nur gedrückt, ach! zur Hochzeit hin trag' ich

Meinen Schmerz und mein nüchternes Haupt!

4.     Und – doch halt! – Ihr, die Liebe verbindet,

Gern verzeihst ihr den harmlosen Scherz!

Ob mein Mund, ob dies Blatt es verkündet,

Eurem Feste schlägt freudig mein Herz!

Geht durch's Leben, das Glück im Geleite,

Stets, wie heute, von Mythen umlaubt!

Fünfzig Jahre seid fröhlich wie heute!

Warm das Herz, und nie alternd das Haupt!

Ferdinand Freiligrath

Einsenderin dieser Verse war die Tochter Maria des ADOLF ROCHOLL. Sie schrieb dazu: "FREILIGRATH und unser Vater waren in Soest gleichzeitig in dem Geschäft von SCHWOLLMANN in der Lehre und sind Freunde geworden. 

 

ANHANG NR. 49 – DIE KASSELER ROCHOLL

 

Von Maria SCHOTTEN geb. ROCHOLL [0900400] – 
[Anmerkung aus der 1938er RADER ROCHOLL von Richard ROCHOLL: Sie verfaßte diese Zeilen, die hauptsächlich ihren Großvater und dessen zahlreiche Kinderschar betreffen, in ihrem 80. Lebensjahr kurz vor der Drucklegung (1938) dieser Familiengeschichte.]

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,

die fest und ehrenvoll durchs Leben gingen

Mit deutscherTreu' an ihrer Heimat hingen,

Dem Vaterland so manch' wack'ren Sohn geschenkt.

Vierhundert Jahre steht das ROCHOLL-Haus,

Beschirmt von seinen Stammbaums mächt'gen Zweigen,

Kein Zedernholz, von echten deutschen Eichen,

Und viel Geschlechter gingen ein und aus.

Heut' sucht ein jeder im Familienkreis

Von seinen Ahnen Leben zu erfahren,

"Wie sie an Denken, Leib und Seele waren,"

Und d'rum will ich erzählen, was ich weiß!

     Ich habe das 80. Lebensjahr erreicht, werde wohl bald zu meinen Vätern versammelt sein, und darum eilt's.

     Die Wiege unserer ROCHOLL-Ahnen stand in Radevormwald, im Hause des Tuchmachers und Färbers Gottschalk ROCHOLL,  1593. Sein Enkel ADOLPH WILHELM kam nach Korbach und dessen Sohn nach BERNHARD nach Kassel. Sein Sohn wiederum, ADOLPH WILHELM, der Commerzrat ROCHOLL, war mein Großvater. Er soll aus 3 Ehen 21 Kinder gehabt haben. In der alten Stammtafel von Louis ROCHOLL finde ich zwar 16, aber das ist ja auch aller Achtung wert. [Anmerkung aus der 1938er RADER ROCHOLL von Richard ROCHOLL: Erwiesen sind heute (1938) 18, und es dürften wohl auch nicht mehr gewesen sein.]

     In Kassel, der kleinen Residenzstadt, kannte jeder Bürger den anderen, und die Nachbarschaft wurde gepflegt. Kein Bild verwischt so schnell, wie in der Großstadt, und wenn wir heute [HR: "1938"] zurückblicken auf die politischen Ereignisse jener Zeit, scheinen sie uns wie Sturm im Wasserglase.

     Die Familie Rocholl war eine große Familie, erfreute sich allgemeiner Hochachtung und hingst treu zusammen, dass ihre Einigkeit in Treu und Leid fast sprichwörtlich geworden war.

     ADOLPH WILHELM war ein tüchtiger Kaufmann und ein wohlhabender Mann. Er besaß ein Gut und viel Landbesitz, und seine älteren Kinder wuchsen im Wohlstand auf. Dann verlor er aber in der Franzosenzeit viel Vermögen, und als er plötzlich durch Blutvergiftung an einem verletzten Finger starb, blieben die vier Jüngsten ziemlich mittellos zurück. Es war jedoch ein guter Kern in seinen Kindern, mit frischem Blut und eisernen Fleiß standen sie im Leben, und ihre Häuser wurden trauliche Stätten, in dem ihre Kinder aufwuchsen.

     BERNHARDINE, die Älteste aus 1. Ehe des ADOLPH WILHELM, heiratete Franz Heinrich THORBECKE und bewohnte mit ihm wohl das schönste Haus in Kassel, mit köstlichen Wandgemälden vom Maler NAHL geschmückt, da jetzt [HR: "1938"] unter Denkmalschutz steht. Sie war eine kleine bewegliche Frau mit Seitenlöckchen, unermüdlich tätig in Haus und Familie und selbst im Geschäft ihres Gatten. Von 13 Kindern blieben ihr nur vier.

     Ihre Schwester WILHELMINE, die 2. Frau des Tuchhändlers Georg K, stand ihr an Tüchtigkeit nicht nach. In ihrem Haus fand der Jüngste, OTTO, eine 2. Heimat.

     FRITZ, der nächste, jedoch aus 2. Ehe des ADOLPH WILHELM stammend, war Essigfabrikant und soll ein großes Erzählertalent gehabt haben. In seinem alten Haus versammelte sich an Sonn- und Feiertagen oft die Familie und lauschte den Berichten von seinen Fahrten durch's Land bis in die Fenster Nester, zu Pferd mit dem Mantelsack oder im Einspänner. Wenn seine Erlebnisse auch auf Wahrheit und Dichtung beruhten, seine Zuhörer erfreuten sich daran immer auf's Neue. Er hinterließ 1 Sohn und 2 Töchter.

     WILHELM, der nun folgte, kam wohl durch seinen Schwager THORBECKE nach Bamberg. Er heiratete dort in die angesehene Familie GNUVA und starb kinderlos. In seinem Hause fand sein Bruder FERDINAND, mein Vater, seine künftige Frau, und zur Hochzeit zog die ganze große Familie aus Kassel in's Bayernland.

     CARL gründete in Bremen eine Tabakfabrik. Er war ein großer hagerer Mann von außerordentlicher  Lebhaftigkeit und kam oft nach Kassel, um nach seinen Geschwistern zu sehen. Seine beiden Frauen waren ROCHOLL–Töchter aus Lippstadt. Er besaß 4 Söhne und 1 Tochter, die schöne THEODORE. Aber über seinen Söhnen schwebte ein Unstern, denn sie wurden im blühenden Alter hinweggerafft. Nur die schöne THEODORE kehrte als Frau von Carl BEHMER in die Heimat ihres Vaters zurück. – Bei CARL verlebte sein Bruder FERDINAND seine Jugend.

     Aus  Lippstadt kam auch Wilhelm ROCHOLL, ein Bruder der beiden vorerwähnten Frauen von CARL, nach Kassel. Er heiratete THEODORE, die Jüngste aus 2. Ehe ADOLPH WILHELM, und wurde Teilhaber seines Schwagers FERDINAND in dessen Zigarrenfabrik. Er kam aus guten Verhältnissen, war ein wohlbeleibter Herr, sehr lebhaft und unternehmenslustig, leicht heftig, aber schnell versöhnt, und hatte alle Zeit ein offenes Herz und eine offene Hand, wenn jemand seiner Hilfe bedurfte. Seine Frau starb jung und hinterließ 2 Töchter und 1 Sohn.

     Aus 3. Ehe von ADOLPH WILHELM war mein Vater FERDINAND der Aelteste. Er war schon etwas Sonderling als Knabe, denn wegen seiner Brüder auf der Straße Soldaten spielten, saß er als General im Hau und schickte schriftlich seine Befehle. Immer um das Wohl der Seinen besorgt, saß er bei der ersten Petroleumlampe wegen Feuersgefahr mit einem Eimer Wasser Wochenlang am Abendtisch. Als in der Cholerazeit Schwager WILHELM ein großes Familienessen gab mit einer großen Schüssel Gurkensalat, der für bedenklich galt, ergriff er die Schüssel, das Fenster flog auf, und der Gurkensalat auf die Straße. "So, ich habe Euch gerettet!" sagte er ruhig, und dem ernsten Sturm folgte große Heiterkeit. Sein gütiges Herz schlug nicht nur für Frau und Kind, sondern auch für seine Arbeiter. In Bremen bei seinem Bruder CARL hat er viel mit grober Begeisterung das Theater besucht, denn für das leichte Völklein der Schauspieler hatte er immer großes Interesse, und ein leichter Zug der Romantik war ihm geblieben. Er nahm das Leben schwerer, als seine Brüder, aber seine Frau kam vom sonnigen Rhein und brachte den ganzen Sonnenschein ihrer Heimat ins Haus und Familie. War FERDINAND ernster, so war sein Bruder EDUARD das reine Gegenteil. Immer guter Laune, voll Freude am Leben, ein gutherziger Polterer. "Arbeit und fröhlich sein", war seine Zauberformel, "alles praktisch", sein Losungswort. In seinem alten traulichen Garten wuchsen 3 Kinder zwischen Obstbäumen und Gemüsebeeten, zwischen Pferd, Ziegen und Kaninchen lustig auf. Er war ein begeisterter Verehrer des Kurfürsten und söhnte sich erst mit den Preußen aus, als1870 seine beiden Söhne in's Feld zogen und aus Kampf und Not ein deutsches Kaiserreich emporstieg. Seine Frau war wohl in Kassel geboren, doch stammten ihre Eltern aus der Schweiz.  

OTTO, der Dritte, hatte sich wieder eine ROCHOLL-Tochter aus Westfalen geholt, wie ja in der Sippe oft untereinander geheiratet worden ist. Die Ehe blieb kinderlos. Seine Frau starb früh, aber die Kindern seiner Geschwister nahm er väterlich an's Herz, und in seinem Haus und Garten tummelte sich immer frohes Leben. Zwei Neffen, LOUIS und OSKAR, kamen ganz in sein Haus und in eine blühende Stockfabrik. LOUIS war ein kaufmännisches Genie und brachte die Fabrik später auf große Höhe. Dessen Sohn ERNST führte sie noch jetzt in seinem Sinne weiter.

     Auf diese schaffensfreudigen Männer paßt das Dichterwort: 

 

     Die Musen haben nicht an der Wiege der Kasseler ROCHOLL Pate gestanden, und der Sinn für Musik war allen versagt. Es war charak-teristisch, daß mein Vater den Arzt holen ließ, als ich mit 10 Jahren die ersten Gedichte verfaßte. Mit Religionsstreitigkeiten gab sich keiner ab, sie hielten es mit dem alten Fritz und ließen Jeden nach seiner Falcon selig werden. Mit frohem Gottvertrauen sahen sie in's Leben, urgesund an Körper und Geist und mit treuem Herzen für Volk und Vaterland.

     Lange sind die Altendahin. Viele ihrer Enkel und Urenkel leben noch in Kassel. Das Gefühl für Pflicht und Ehre haben die Väter ihnen vererbt. – "Haltet es hoch, dieses Erbe Eurer Ahnen, denn ihr könnt stolz auf sie zurückblicken."

 

Maria SCHOTTEN geb. ROCHOLL

"Tagesarbeit, abends Gäste,

Saure Wochen, frohe Feste",

Denn das war ihr Zauberwort.

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,

Ihm war ein unvergänglich Gut geschenkt.

 

ANHANG NR. 50 – DIE NACHKOMMEN¹)
des Kaufmann Dietrich Engelbert Bettmann u.s.G. JOHANNA ROCHOLL nach dem Stande vom Juli 1938

Fußnote zu "¹)" aus der 1938er RADER ROCHOLL: "Die Wiedergabe derselben erfolgte auf besonderen Antrag der Familie Bettmann zu Rheydt."

Anmerkung HR: Bereits im Vorspann der 1938er RADER ROCHOLL wurde das Thema "Töchternachkommen" behandelt. Auch in dieser Webseite wird die blutsverwandte Namenslinie nach dem "UR-Peter" weiter verfolgt (s. Prolog). Nur zur Vervollständigung und als Abschluss der Nachträge aus dem 1938er-Buch wird der nachstehende Text, welcher nicht der Ursprungsphilosophie entspricht, hier als Bilddatei wiedergegeben. 

 
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